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Andrea Jakob/Torsten Lämmerhirt: Eine alte Straße zwischen Coburg und Eisfeld

Den Anlass zur Untersuchung der Altstraßenverbindung von Eisfeld nach Coburg bot eine Erzählung des Direktors des Coburger Gymnasiums Casimiranum Andreas Wendel von einer Reise, die er einst als 12-jähriger Junge am 24. Dezember 1791 unternahm.

Der Autor erzählt, wie er "... des Morgens in aller Frühe an einem schönen Wintertag mit der Botenfrau lustig fortzog, um von (s)einem armseligen Landstädtlein einen Ausflug in die große Welt zu thun, und die Freuden der benachbarten Residenz am heiligen Christfest mit zu genießen.“ Welchen Weg mag er hierbei genommen haben?

Dieser Vortrag wurde am 18.10.2014 auf dem Arbeitstreffen der AG Altstraßen in Südthüringen gehalten, die Kurzfassung des Vortrages ist hier zu lesen.

AK Bodendenkmalpflege Schmalkalden: Erfassung und GPS-Vermessung von Altstraßenverläufen

Die Mitglieder des Arbeitskreises Bodendenkmalpflege Schmalkalden, bestehend aus 15 ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern unter Leitung von Brigitte Zech, haben vor 2012 über mehrere Jahre die Landwehren des Altkreises Schmalkalden vermessen und dokumentiert und sich nun der Erkundung und Vermessung von Altstraßen zugewandt.
Am 18.10. 2014 haben sie auf dem Arbeitstreffen der AG Altstraßen in Südthüringen ihre derzeitigen Aktivitäten und den Stand der Arbeiten vorgetragen, mehr dazu ist hier zu lesen.

Fuchs, Achim: Flurnamen machen die Existenz einer Aegidius-Kapelle wahrscheinlich

Kapellen waren wichtige Wegbegleiter mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Verkehrswege. Bei der Erstellung eines Verzeichnisses, in dem die verschwundenen vorreformatorischen Kirchen und Kapellen des Altkreises Meiningen erfasst wurden, zeigte es sich, dass  in Dreißigacker/SM besonders günstige Bedingungen vorliegen, um auch mit Hilfe der Flurnamen zu neuen Erkenntnissen über eine einst dort gelegene Kapelle zu gelangen.

Am westlichen Ortsrand von Dreißigacker, heute ein Ortsteil von Meiningen, erstreckt sich das Flurstück An der Kapelle. Von dem war bisher nur überliefert, dass hier im Mittelalter die erste Kir­che des Dorfes erbaut worden sei.

Ein Mitarbeiter des Meininger Staatsarchivs machte mich auf einen Bericht aus den Jah­ren um 1630 aufmerksam, der bestätigte, dass dort tatsächlich eine Kapelle gestan­den hat. Im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung zwischen Bauern und Sol­daten ist nämlich die Rede von einem Pferdetausch "bei dem kleinen Kapellchen oben beim Dorf". (ThStAM, GHA III - Frdl. Mitteilung Herrn Hübschers)

Hundert Jahre später, so geht es aus einem alten Abgabeverzeichnis hervor, wurde am West­rand Dreißigackers der "Cappell-Platz" mit Wohnhäusern bebaut. (ThStAM, Lehns- und Flurbücher, Nr. 135) An diesem "Cappell-Platz" dürfte die Kapelle zu suchen sein. Heute wächst hier die Obere Linde.

Drei Gründe sprechen nun dafür, dass diese Kapelle dem hlg. Ägidius geweiht war:

- Zum einen sind es zwei Flurnamen. In der Ortslage von Dreißigacker befindet sich der einzige brauchbare Brunnen auf der gesamten Hochfläche. 1418 wird er erstmals erwähnt als Jilgen­brunnen. (Güth 1676, S. 176) In einem Steuerregister  findet sich für anno 1872 der Beleg "im Jilgenbaum hinter der Kapelle". (ThStAM, Lehns- u. Flurbücher, Nr. 139)

Vor allem der Beleg von 1872 lässt die Vermutung zu, dass es sich hier um eine Aegi­dius­kapelle handelte. Aegidius war einer der 14 Nothelfer. "Er ist im deutschen Sprach­raum auch bekannt als [...] Ilg, Ilgen, Jilg,Gilg, Gilgian oder Gilgen." (Wikipedia)

Eine mit Dreißigacker vergleichbare Situation findet sich bei Eisenach. Auch dort gab es eine Aegidiuskapelle. Sie wird 1291 urkundlich genannt und "lag auf der Südseite der Wartburg unter der Eisenacher Burg in dem Thale, welches davon Ilgen- oder Liliengrund heißt." (Funkhänel 1867) dieser Liliengrund findet sich noch heute auf dem Stadtplan.  Die Exis­tenz zweier Namen für das Tal, in dem die Eisenacher Kapelle lag, erklärt sich aus der Tat­sache, dass Jilge, Ilge in der Mundart auch für "Lilie" steht. (Marzell 1972)

- Für eine diesem Heili­gen geweihte Kapelle bei Dreißigacker spricht noch ein zweiter Grund. 1317/19 wurde in Schleusingen das Stift St. Egidius und St. Erhard gegründet; nach Zwischenstation in Hildburghausen verlegte man es 1320 nach Schmal­kal­den. Seit 1328 hatte es in Dreißigacker Besitz. 1373 verkaufte Johann von Haselbach seine Güter zu Dreißigacker an Konrad Geisel, Kano­niker des Stifts St. Ägidyen und St. Erhard in Schmalkalden, zur Stiftung einer Vikarie. (Wendehorst 1996, S. 27 u. 92.) Sollte sich diese in Dreißigacker befunden haben, dann könnte sie Anlass zum Bau einer Kapelle gewesen sein. (Frdl. Mitteilung Herrn Dr. Mötschs)

- Ein dritter Grund für den Kapellenbau könnte eine Veränderung im Verlauf einer überregionalen Straße zu suchen sein. In dieser Zeit dürfte nämlich die Altstraße an Bedeutung verloren haben, die unter dem Namen Alte Frankfurter Straße von der Wall­dorfer Werrafurt auf die Dreißigackerer Hochebene führte und von dort weiter in die Richtungen Frankfurt und Würzburg. Da Meiningens wirtschaftliche Bedeutung gestiegen war, wählte man nämlich jetzt den Weg über diese Stadt und von dort u. a. nach Dreißigacker. (An der eben erwähnten Alten Frankfurter Straße lag die Habichtsburg. Lesefunde belegen, dass sie in der 1. Hälfte des 14. Jhs. aufgegeben wurde. - Stadtlexikon, S. 102) An die neue Trasse gehörte wohl auch eine neue Kapelle, eine Nothelferkapelle machte sich da sicher gut.

Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass mit Jilgen- gebildete Flurna­men auch auf einen Familiennamen zurück­gehen können. So er­wähnt beispielsweise der Meininger Chronist Güth in seiner Chronik unter 1521 einen Artes Jilg. (Güth 1676, S. 210.)

Auf die schon o. e. mundartliche Bezeichnung für Lilie und auch auf den Familiennamen könnte der Brunnen­name durchaus zurückzuführen sein. Wegen der großen Bedeutung des Dreißigackerer Brunnens und seiner Nähe zur Kapelle halte ich es jedoch für am wahrscheinlichsten, sein Benennungsmotiv in eben diesem Bauwerk zu sehen.

Die genannten Namen, Ereignisse und Sachverhalte machen es sehr wahrscheinlich, dass am Nordwestrand Dreißigackers einst eine Aegidien-Kapelle gestanden hat, in der wir wohl auch einen Wegebegleiter für eine hier vorbeiziehende Altstraße vermuten dürfen.

Quellen und Literaturverzeichnis

Braunfels, Wolfgang (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. 5 Bde. Freiburg i. Br.: Verlag Herder 1973.

Brückner, Georg: Hennebergisches Urkundenbuch. 3. Teil. Meiningen: Brückner & Renner 1857.

Erck, Alfred e. a. (Hrsg.): Meiningen. Lexikon zur Stadtgeschichte. Meiningen: Bielsteinverlag 2008.

Fuchs, Achim: Verschwundene vorreformatorische Kapellen und Kirchen im Altkreis Meiningen. In: Moczarski, Norbert; Witter, Katharina: Thüringische und Rheinische Forschungen. Bonn-Koblenz-Weimar-Weimar-Meiningen. Festschrift für Johannes Mötsch zum 65. Geburtstag. Leipzig und Hildburghausen. Salier Verlag 2014.

Funkhänel, Karl Hermann: Die Egidien-Kapelle bei Eisenach. In: Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 7 (1867), S. 348-349.

Güth, Johann Sebastian. Poligraphia Meiningensis. Gotha: Salomon Reyher 1676.

Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. 5 Bde. Leipzig: Verlag von S. Hirzel 1972.

Schöppach, Karl: Hennebergisches Urkundenbuch. 1. Teil. Meiningen: Keyssner'sche Hofbuchhandlung 1842.

ThStAM = Thüringisches Staatsarchiv Meiningen

- ThStAM, GHA III, 918, fol. 47 ff.

- ThStAM, Lehns- und Flurbücher, Nr. 135, Steuerregister1719, fol. 24.

Wendehorst, Alfred: Die Stifte in Schmalkalden und Römhild. Berlin u. New York: Walter de Gruyter 1996. (= Germania Sacra. Neue Folge 36. Das Bistum Würzburg 5.)

Wikipedia: Ägidius von St. Gilles, Zugriff am 07.06.2013.

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