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Tagung "14/18 - Mitteldeutsche Heimatfront. Geschichte und Erinnerungskultur zum 1. Weltkrieg" am 04.-06.07.2014 in Erfurt

2014 wird weltweit an Ausbruch und Verlauf des Ersten Weltkriegs erinnert. Dabei stehen zumeist die militärischen Ereignisse an den Fronten, die Rolle der geistigen und politischen Eliten sowie größere politische und ökonomische Zusammenhänge im Zentrum des offiziellen historischen Interesses. Der „Krieg der kleinen Leute“, das Gesicht der „Heimatfront“, sind unter regionalhistorischer und lokalgeschichtlicher Perspektive jedoch oftmals wichtiger, zumal sie die persönlichen Erinnerungen von Menschen stärker geprägt haben als die ‚große Geschichte‘. „Mitteldeutschland“ lag damals zwar fernab aller Fronten, doch der Krieg prägte die politischen, administrativen und ökonomischen Strukturen der Region um, veränderte die privaten Lebensumstände radikal und kostete zahlreiche militärische und zivile Opfer. Zwischen uns und dem Ersten Weltkrieg liegt längst ein Zweiter mit Völkermord, Vertreibungen und den geschichtspolitischen Deutungen dieser Ereignisse in beiden deutschen Staaten. Was also bedeutet uns heute in Sachsen-Anhalt und Thüringen noch der Erste Weltkrieg und welche sprechenden Zeugnisse dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ sind noch verfügbar? Und wie vermitteln wir die Deutung der Vergangenheit mit unseren eigenen historischen Erfahrungen? Konzipiert wurde die Tagung von Dr. Justus H. Ulbricht, Dresden und Dr. Kathrin Pöge-Alder, Halle.

Vom 04. und 06. Juli 2014 wurde in Vorträgen und einer Abschlussdiskussion diesen Fragen nachgegangen, am 05. Juli fand eine Exkursion mit Stationen in Erfurt, Weißenfels und Merseburg statt.

Alltag an der Heimatfront

Tagung in Erfurt untersuchte, wie der Kriegsalltag 1914 bis 1918 das Leben der Menschen prägte

„Weit weg und doch sehr nah.“, so beschrieb der Vorsitzende des Heimatbundes Thüringen, Dr. Burkhardt Kolbmüller, die Thematik des Ersten Weltkrieges im Rahmen der jüngst im Erfurter Bildungshaus St. Ursula veranstalteten Tagung "14/18 - Mitteldeutsche Heimatfront. Geschichte und Erinnerungskultur zum 1. Weltkrieg" in Erfurt. Im Gegensatz zu den derzeit in den Medien vorherrschenden Berichterstattungen, in denen die großen militärischen und politischen Ereignisse im Mittelpunkt stehen, wurde hier das Schicksal des Normalbürger im heimatlichen Kontext, eben der „Heimatfront“, behandelt. Thüringen lag damals zwar fernab aller Fronten, doch der Krieg prägte den Alltag der Bevölkerung nachhaltig.

Kriegsgeschichte muss vor allem gerade in den neuen Bundesländern als Geschichte des kleinen Mannes neu erforscht werden. Was geschah an der Heimatfront? Was verraten Feldpostbriefe und andere Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg? Die Geschehnisse veränderten in kleinen Gemeinden die sozialen Verhältnisse radikal: Familien verloren ihre Ernährer durch den Tod in der Schlacht, Frauen waren auf sich allein gestellt, nach dem Krieg hatten fast elf Millionen Männer in Deutschland ein Kriegstrauma, dass sie mitunter ein Leben lang belastete. Die Vorträge der Referenten griffen unter anderem Themen wie „Jüdische Soldaten im ersten Weltkrieg“, „Profiteure und Verlierer des Krieges“ und den „Krieg der Geister im grünen Herzen“ auf. Erschreckend zudem die Fakten im Vortrag von Dr. Sebastian Kranich aus Erfurt, der bedrückend belegen konnte, wie die evangelische Kirche den Krieg unterstützte. Auf Nachfrage von Frau Dr. Gudrun Braune von der Volkskundlichen Beratungsstelle in Erfurt konnte Dr. Kranich erklären, dass die katholische Kirche den Krieg ebenfalls ähnlich beförderte.

Die eintägige Exkursion im Rahmen der Tagung führte zu verschiedenen Geschichtsorten in der mitteldeutschen Region. Den Beginn machte der Besuch des Erfurter Stadtmuseums mit der Ausstellung „Schrecklich schön. Kriegeserinnerungen aus Munition“. Anschließend ging es per Bus nach Weißenfels, wo im Schloss Neu-Augustusburg die Verbindung Propaganda und Produktion behandelt wurde. Im deutschen Chemie-Museum in Merseburg stand die Rolle des Chemiedreiecks im Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt. Hier entstanden zahlreiche Erzeugnisse für die chemische Kriegsführung, damals ein Novum.

Ein Fazit der Tagung, das alle Teilnehmer mitnahmen, lautete: Das Zeitalter des ewigen Friedens ist noch lange nicht angebrochen. Wir müssen uns weiter bemühen. Geschichtsbetrachtung des Lebens der Menschen vor Ort ist besonders wichtig, baut doch das Heimatgedächtnis die Brücke zur großen Weltgeschichte. Gerade in den neuen Bundesländern ist die Erforschung der Heimatfront im Ersten Weltkrieg noch ganz am Anfang. Die Tagung in Erfurt wird also Impulse geben.

Barbara Umann, die Geschäftsführerin des Heimatbundes Thüringen unterstrich, dass die Veranstaltung ohne die Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und des Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur nicht möglich gewesen wäre. Weiterhin erhielt die Veranstaltung Förderung über das beim Heimatbund Thüringen im Rahmen des Thüriner Landesprogramms für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit angesiedelte Projekt PARTHNER und vom Land Sachsen-Anhalt. Die Veranstaltung wurde vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V. und dem Heimatbund Thüringen in Kooperation ausgerichtet.

Dirk Koch

Programm zum Download

Tagungsreihe "Deutsche Erinnerungslandschaften"

Die Tagungsreihe „Deutsche Erinnerungslandschaften“ wurde seit 2002 als gemeinsame Veranstaltung von Heimatbund Thüringen und Landesheimatbund Sachsen-Anhalt vorbereitet und durchgeführt. Die Tagungen fanden an Orten oder in Landschaften statt, deren Bedeutung für die deutsche Geschichte und Erinnerungskultur von herausragender, teilweise symbolträchtiger Bedeutung ist. Die Tagungsbeiträge wurden veröffentlicht und sind auf Anfrage noch erhältlich.

  • Juni 2002, Bad Kösen – „Erinnerungslandschaft Saaleck-Rudelsburg"
  • Juni 2003, Bad Frankenhausen – „Erinnerungslandschaft Kyffhäuser“
  • Juni 2004, Lutherstadt Eisleben – „Das rote Mansfeld – Konturen einer Geschichtslandschaft“
  • Juni 2005, Arnstadt – „Rennsteiglied und Hexentanz – Zur Konstruktion und Politisierung von Landschaften in Mitteldeutschland“
  • Juni 2006, Jena – „Jena und Auerstedt – Ereignis und Erinnerung in europäischer, nationaler und regionaler Perspektive“
  • Juni 2007, Tabarz - "Elisabeth von Thüringen - Geschichte und Mythos"
  • Juni 2009, Probstzella - "Das grüne Band - ein deutscher Natur- und Erinnerungsraum"

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