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Heimat Thüringen Heft 1/2020 zum Thema "Kolonialerbe Thüringens"

Am 19.06.2020 erscheint die Zeitschrift "Heimat Thüringen" zum Schwerpunktthema: "Kolonialerbe Thüringens".

Pauline Lörzer, Janin Pisarek

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Während seines Vortrages zu »Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten« an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Januar dieses Jahres formulierte Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, treffend, dass Deutschland in den vergleichsweise wenigen Jahren der Kolonialherrschaft es trotzdem geschafft habe, extrem viel Schaden anzurichten.   

Das Thema des Deutschen Kolonialerbes schien viele Jahre ein gemiedenes Tabuthema zu sein – ähnlich wie einige Relikte dieser Zeit unter Staub in Vergessenheit geraten. Dabei geht es nicht nur um die Zeit zwischen den 1880er Jahren und 1919, in denen Deutschland eigene Kolonien besaß. Auch zuvor und nicht nur von staatlicher Seite gab es unzählige wirtschaftliche und machtpolitische Verflechtungen mit der internationalen Kolonialpolitik – und nicht zuletzt ein fest verankertes, rassistisch begründetes Selbstverständnis für dieselbe. Der »Verlust« der Kolonien bedeutet gleichzeitig auch kein Ende kolonialen Denkens und Handelns. Beides besteht teils ungebrochen bis heute, wenn auch oftmals unbewusst oder unreflektiert. 

Das wirft auch die Frage auf, ob die historisch gewachsenen Ungerechtigkeiten und die fehlende, unvollständige oder beschönigende Erinnerung an den Kolonialismus nicht untrennbar mit heutigem Rassismus zusammenhängen. Beschäftigung mit dem kolonialen Erbe wird damit gesellschaftlich relevant. 

In den letzten Jahren hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit, aber auch das gesellschaftliche Interesse an der kolonialen Geschichte und ihren Folgen bis heute deutlich zugenommen. 

Auch in Thüringen sind zahlreiche Spuren dieses deutschen Kolonialismus in unserem Alltag präsent. Sie weisen auf die vielfältigen Verbindungen des heutigen Freistaats hin. Größere Handelsstädte wie Erfurt waren am kolonialen Handel beteiligt. Neue Güter wie Kaffee, Tee, Kakao oder Tabak prägten den Alltag und schufen neue Kulturhandlungen. Diese Neuerungen des gesellschaftlichen Lebens erforderte auch neue Gesetze. Beispielsweise war es bis in das 19. Jahrhundert in vielen Teilstaaten Thüringens verboten, auf offener Straße zu rauchen. Kaffee war zunächst als schädliches Getränk des »Muselmannes« verschrien. Folge der neuen Güter waren auch neue Geschäfte. Die Spuren dieser Kolonialwarenläden lassen sich bis heute überall in Thüringen finden. 

Die billigen, häufig durch wirtschaftliche Ausbeutung erlangten Importgüter brachten gleichzeitig Nachteile mit sich. Einheimische Wirtschaftszweige wie der Anbau und die Verarbeitung von Waid, der vor allem für Erfurt und Weida bedeutend war, oder Flachs wurden im Zuge dieser Entwicklung zerstört. Heute wird mühsam eine Revitalisierung angestrebt. 

Auch durch die Entstehung der natur- und kulturwissenschaftlichen Fächer unternahmen unzählige Forscher weltweit, auch aus Thüringen, Reisen nach Afrika, in den Orient und nach Asien. Neben neuen Erkenntnissen brachten sie meist stark eurozentrisch geprägte, teils exotisierende oder kulturell herabwürdigende ethnische Stereotypen mit, die sich auch in der Kunst und im Alltag, wie der Werbung, widerspiegelten. 

Auch die Wunderkammern sowie die wissenschaftlichen und privaten Sammlungen, häufige Vorläufer unserer heutigen Museen, wurden eifrig mit mitgebrachten Kulturgütern aus fernen Ländern versorgt. Da die Art und Weise des Erwerbs nicht immer gesichert ist und es sich teilweise um zu Unrecht erworbene oder gestohlene Objekte handelt, ist auch in diesem Feld eine intensive Auseinandersetzung angestoßen worden. Im vorliegenden Heft wird das Thema nur am Rande besprochen. Das kommende Heft des Museumsverband Thüringen e.V. widmet sich speziell dieser Thematik – eine willkommene und spannende Ergänzung. 

Das vorliegende Heft kann die Vielzahl der Themen nur anreißen, schafft aber einen Überblick über die vielfältigen Verflechtungen Thüringens in der Geschichte und Gegenwart zur deutschen und internationalen Kolonialpolitik. Wichtig war uns dabei auch, einige zivilgesellschaftliche Gruppen in den Blick zu nehmen, die mit viel Engagement versuchen, auch in Thüringen Sensibilität hinsichtlich des kolonialen Erbes zu schaffen.

Wir wünschen viel Lesevergnügen!

PAULINE LÖRZER & JANIN PISAREK 

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