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Heimat Thüringen Heft 2/2020 zum Thema "900 Jahre Jüdisches Leben in Thüringen"

Am 05.08.2020 erscheint die Zeitschrift "Heimat Thüringen" zum Schwerpunktthema: "900 Jahre Jüdisches Leben in Thüringen".

 

Jüdische Siedlung in Thüringen

von Dr. Johannes Mötsch

 

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Mit der Ausbreitung der jüdischen Siedlung im 11./12. Jahrhundert in Deutschland wurde auch Thüringen erreicht. In dieser Zeit entstand ein dichtes Netz größerer und kleinerer Territorien unterschiedlicher Rechtsstellung, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die politische Landkarte geprägt haben. Im Spätmittelalter sind die Kaiser und Könige dazu übergegangen, den ursprünglich nur ihnen zustehenden Judenschutz (mit den daraus fließenden Einkünften) an diese Territorialherren – darunter auch geistliche Fürsten – zu verleihen, die daher ein finanzielles Interesse an der Anwesenheit von Juden hatten.

Zum Verständnis der jüdischen Siedlung in Thüringen ist es deshalb erforderlich, wenigstens die wichtigeren Territorialherren zu nennen: die Markgrafen von Meißen (Wettiner), die 1247 die Landgrafen von Thüringen beerbt hatten, seit 1423 Kurfürsten und Herzöge von Sachsen; die gefürsteten Grafen von Henneberg im Südwesten; die Grafen von Gleichen, Honstein, Orlamünde und Schwarzburg, die Vögte von Gera, Plauen und Schleiz sowie die der gleichen Familie angehörende Reußen. Erfurt und das Eichsfeld gehörten dem Erzbischof von Mainz, Meiningen und einige Dörfer der Umgebung dem Bischof von Würzburg. Im Westen standen kleinere Gebiete unter der Herrschaft der Landgrafen von Hessen und der Äbte von Fulda. Die Politik dieser Territorialherren gegenüber den Juden unterlag starken Schwankungen – von Förderung über Vertreibung bis zum Pogrom.

Die Ansiedlung von Juden gehört zu den Kriterien, die im Mittelalter einen Ort zur Stadt machten (neben der Verleihung von Stadtrechten, die durchaus nicht alle Städte besaßen, dem Bau einer Stadtmauer und weiteren Kriterien). Die Anwesenheit von Juden in den Städten Thüringens dokumentiert daher deren wirtschaftliche Bedeutung: Erfurt (vor 1100), Eisenach (Anfang 13. Jh.), Meiningen (1243), Gotha und Mühlhausen (beide um 1250), Arnstadt (1264) und Nordhausen (1290). Es ist davon auszugehen, dass dort jeweils jüdische Gemeinden bestanden haben (also Siedlungen mit mehr als zehn erwachsenen Männern, die für einen jüdischen Gottesdienst erforderlich sind). Daneben waren einzelne Familien auch in kleineren Orten ansässig.

 

Einsetzende Pogrome mit Ende des 13. Jahrhunderts

Mit dem Jahr 1298 setzte eine Reihe von Pogromen ein, deren erstes in Franken seinen Ausgang hatte. Betroffen waren daher Orte im Südwesten: Römhild, (Bad) Salzungen, Schleusingen, Schmalkalden, Themar und Wasungen. 1303 wurde die jüdische Gemeinde in Weißensee ausgerottet. In der gleichen Zeit erfolgte jedoch, bedingt durch die Vertreibungen der Juden aus England und Frankreich, ein weiterer Zuzug. Juden wurden u.a. in Hildburghausen (1331), Saalfeld (vor 1310) und Vacha (1323) ansässig.

Das durch die Pest der Jahr 1348/1349 ausgelöste Pogrom löschte fast allen jüdischen Gemeinden Thüringens aus. Damals wurde der »Erfurter Judenschatz« versteckt, sein Besitzer wohl ermordet. In der Folge siedelten sich jedoch einzelne Juden oder wenige Familien wieder in Erfurt an (1354), dann auch in Eisenach (1378), Eisfeld (1394), Gotha (1379), Hildburghausen (1388), Jena (1379), Kahla (1382), Saalfeld (1389), (Bad) Tennstedt (1389), Weimar (1379) und Weißensee (1390) im Herrschaftsgebiet der Wettiner sowie in Schmalkalden (1375) und Wasungen (1384) in der Grafschaft Henneberg. Einige wenige Orte kamen im 15. Jahrhundert hinzu.

In dieser Zeit setzte jedoch in den größeren Territorien eine Reihe von judenfeindlichen Maßnahmen und Vertreibungen ein. Der Kurfürst von Sachsen befahl 1430/36 die Vertreibung der Juden aus seinen Landen; dies wurde jedoch nur zögerlich umgesetzt. Der Bischof von Würzburg ordnete gleiches im Jahr 1450 an. Aus Erfurt sind die Juden 1453/54 vertrieben worden, aus der Grafschaft Schwarzburg 1496 und 1532. In Mühlhausen sind nach 1511 keine Juden mehr belegt. Ausweichen konnten die Juden zunächst in die Grafschaften Henneberg (Schmalkalden, Wasungen) und Honstein (Bleicherode, Ellrich).

 

Reformation und Vertreibung – Ansiedlung als Geschäftsmodell

Reformation und Gegenreformation brachten erneute Vertreibungen (Kurfürstentum Sachsen, 1536; Reichsstadt Nordhausen, 1546; Grafschaft Henneberg, 1556; Erzstift Mainz für die Erfurter »Küchendörfer« Daberstedt und Hochheim, 1579/82; Grafschaft Honstein, 1593). Lediglich aus der Landgrafschaft Hessen sind die Juden nicht vertrieben worden; sie sind daher auch in Vacha und (mit Unterbrechungen) in Schmalkalden wohnhaft geblieben. Auch in Geisa (Stift Fulda) und in Schwarza bei Meiningen (Grafen von Stolberg) blieb die Ansiedlung gestattet.

Aus dieser Situation erwuchs für die sich damals entwickelnde niederadlige Reichsritterschaft ein neues Geschäftsmodell: die Ansiedlung von Juden gegen ein jährlich zu zahlendes Schutzgeld in ihren zumeist nur aus einem Dorf bestehenden Kleinherrschaften. Diese Juden lebten meist dicht gedrängt in Gebäuden, die dem Dorfherrn gehörten; eigener Hausbesitz war nicht gestattet. Im Südwesten Thüringens (damals zum fränkischen Reichskreis gehörig) und im angrenzenden Unterfranken entwickelte sich auf diesem Hintergrund das für viele Dörfer bis weit in das 19. Jahrhundert hinein prägende Landjudentum. Dies gilt für Aschenhausen, Bauerbach, Berkach, Bibra, Gehaus, Gleicherwiesen, Marisfeld, Simmershausen, Stadtlengsfeld, Völkershausen und Walldorf. Bei Kleinbardorf (nahe Bad Königshofen) entstand ein auch von diesen Gemeinden bis in das 19. Jahrhundert hinein belegter Friedhof.

Im 17. Jahrhundert haben dann einige größere Territorien dieses »Geschäftsmodell« übernommen: fortan war Juden in Hildburghausen (1680), Dreißigacker bei Meiningen (1716), Immenrode (nach 1720) und Sondershausen (1695) die Ansiedlung gestattet.

Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1803/1806) und den Ergebnissen des Wiener Kongresses (1815) änderte sich die politische Landkarte Deutschlands völlig. Die kleineren und kleinsten Territorien verschwanden, eine überschaubare Menge großer und mittlerer Territorien blieb übrig. Die vormals reichsritterschaftlichen Dörfer im Südwesten Thüringens fielen an das Großherzogtum Sachsen-Weimar bzw. die Herzogtümer Sachsen-Meiningen und Sachsen-Hildburghausen. Diese Staaten regulierten bald die rechtlichen Verhältnisse der neu gewonnenen jüdischen Untertanen. Von einer Gleichberechtigung konnte noch nicht die Rede sein. Aus jeder Familie durfte nur ein Sohn heiraten; die übrigen wanderten vielfach in die USA aus. Vorgeschrieben wurde vom Staat auch die Anlage von Mikwen (Ritualbädern, die sich bis dahin häufig in Privathäusern befunden hatten) und ortsnahen Friedhöfen. Die jüdischen Gemeinden selbst hatten ein lebhaftes Interesse an der Errichtung von Synagogen und Schulen.

Mit der Gründung des norddeutschen Bundes (1866) und des Deutschen Reiches (1871) entfielen die letzten Beschränkungen. Die Juden – vor allem die Jüngeren, nunmehr gut Ausgebildeten – zogen aus den Dörfern in die benachbarten Kleinstädte, bald auch nach Erfurt oder Berlin. Das führte zur Schrumpfung und Überalterung der dörflichen Gemeinden, bald auch zur Aufgabe der jüdischen Schulen in diesen Dörfern. Gleichzeitig kam es in den Städten zur Gründung jüdischer Gemeinden, zur Anlage von Friedhöfen und zum Bau von Synagogen. Die völlige Gleichberechtigung schien absehbar.

 

Gleichberechtigung und Antisemitismus

Der Antisemitismus war jedoch nie verschwunden. Er fand seinen Ausdruck auch in Vorwürfen gegen die Beteiligung der Juden am Ersten Weltkrieg (obwohl über 12.000 jüdische deutsche Soldaten gefallen waren). Bereits zuvor waren Anhänger des Zionismus nach Palästina ausgewandert, dies setzte sich nach Ende des Weltkrieges fort. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 setzte eine Fülle judenfeindlicher Maßnahmen ein. So wurde z.B. die Ausübung zahlreicher Berufe untersagt, Eigentum unterlag der »Arisierung«. Nach der »Reichspogramnacht« am 9. November 1938 wurden zahlreiche thüringische Juden nach Buchenwald deportiert. Viele kamen dort um, andere kehrten schwer gezeichnet zurück. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war eine Auswanderung nicht mehr möglich. Die Mehrzahl der noch in Thüringen und im preußischen Regierungsbezirk Erfurt lebenden Juden wurde im Mai 1942 nach Belzyce deportiert, die übrigen im September 1942 nach Theresienstadt. Die Vernichtungslager haben nur sehr wenige überlebt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden die sehr kleinen jüdischen Gemeinden fast ausschließlich aus Überlebenden, die nicht aus Thüringen stammten. Erneut sahen diese sich einer Überalterung der Gemeinden gegenüber. Erst der Zuzug jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den Ländern der Sowjetunion hat diese Entwicklung gestoppt und zum Aufblühen jüdischen Lebens in Thüringen geführt. /

 

Dieser Text orientiert sich an der Einleitung zur Dokumentation von Israel Schwierz, »Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen«, die 2007 von der Landeszentrale für politische Bildung ins Netz eingestellt worden ist (www.lzt-thueringen.de/ Publikationen/Downloads). Das Layout ist damals von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen finanziert worden. Durch die Arbeit des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie sowie durch bürgerliches Engagement vor Ort konnten seit 2007 vielfach neue Erkenntnisse gewonnen werden, die in den vorliegenden Text eingeflossen sind (z. B. Alte Synagoge und Mikwe an der Krämerbrücke in Erfurt; Kellermikwe in Schmalkalden).

 

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