Verlegung von zehn Stolpersteinen in Pößneck

Regionalgeschichte des Holocaust

Im Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten und deportierten Bürger der Stadt Pößneck erfolgte am 4. Mai 2021 die Verlegung von weiteren Stolpersteinen. Die „Initiative für Stolpersteine in Pößneck“ will mit der Fortsetzung des Gedenk- und Bildungsprojektes auf das Schicksal von einstigen Nachbarn aufmerksam machen.

Die Gedenksteine werden im öffentlichen Raum vor den letzten selbst gewählten Wohn- und Geschäftshäusern verlegt. Ein Name ist eingraviert, Lebens- und Verfolgungsdaten und die Angabe zum Schicksal. Gerade in Orten mit einem kleinen jüdischen Bevölkerungsanteil bis in die 30er Jahre hinein, sollte durch die antisemitische Staatspolitik zwischen 1933 und 1945 jeder Nachweis jüdischen Lebens nahezu vernichtet werden. Nur wenige Akten überstanden die Säuberungsaktion zum Kriegsende, aber die Bürokratie der NS-Verbrechen hinterlässt bis heute ihre Spuren. Es waren Staatsbürger, wie du und ich – eingetragen in Geburts-, Heirats- und Sterberegister.

Die Orte des Gedenkens: 

n  Tuchmacherstraße 59a: Willy Hahn (20.09.1902 in Hannover – 25.10.1943 in Pößneck) und Hildegard Hahn geb. Heinemann (19.01.1903 in Gardelegen – 30.01.1989 in Schleiz)

n  Brunnengasse 4: Nathan Willi Hess (07.11.1866 in Walldorf, Meiningen - 29.09.1941) und Wilhelmine Hess geb. Schwarz (17.01.1866 in Heldburg – 06.02.1953 in Pößneck)

n  Breite Straße 30: Martha Trabert geb. Pick (19.05.1899 in Grodno, Russland – 05.07.1982 in Pößneck), Alfred Trabert (16.10.1901 in Leipzig-Gohlis – 09.04.1945 in Rüdersdorf), Hannelore Trabert (1936 in Pößneck), Christa Trabert (02.02.1943 in KZ Auschwtiz – Schicksal unbekannt)

n  Breite Straße 3/5: Hermann Katz (24.05.1869 in Bibra, Meiningen – Schicksal unbekannt) und Bertha Katz geb. Mayer (03.04.1869 in Markstedt – 12.01.1943 in Ghetto Thersienstadt)

Das Gedenk- und Kunstprojekt des Künstlers Gunter Demnig wird getragen von lokalen Initiativen. In 1265 Kommunen Deutschlands und in einundzwanzig Ländern Europas sind bereits dezentrale und informationsreiche Erinnerungsorte entstanden. Wie ein „Flugdatenschreiber der Geschichte“ berichten die Inschriften von Biografien und Familienschicksalen, die den Verbrechen des nationalsozialistischen Staates ausgeliefert waren.

Der Initiator und Künstler Gunter Demnig wurde für das Verlegen der Stolpersteine mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Auf Grund der Corona-Pandemie hatte der Künstler seine Teilnahme an der Verlegung absagen müssen. Da eine Terminverschiebung nur um ein ganzes Jahr möglich gewesen wäre, hatte sich die Initiative entschieden, unter Einhaltung des Hygieneschutzes und in Kooperation mit dem Bauhof der Stadt selbst für die Einarbeitung ins Pößnecker Stadtpflasters zu sorgen.

Durch neue Recherchen der AG Geschichtswerkstatt des Pößneck Alternativer Freiraum e.V. und durch die Beteiligung von Schülerinnen des Gymnasiums „Am Weißen Turm“ Pößneck, ist die Fortsetzung des Projektes möglich geworden. In Kooperation mit der Stadtverwaltung Pößneck erfolgte eine Koordination der Projektabläufe. Besonders dankbar ist Philipp Gliesing, Leiter der AG Geschichtswerkstatt und Stadtführer zum „Jüdischen Leben in Pößneck“, für die enge Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, um die biografische Angaben und mögliche Verlegestellen zu recherchieren.

 Projektgeschichte

Die Initiative wird seit Jahren auch von der Evangelischen Kirchgemeinde und zivilgesellschaftlichen Akteuren unterstützt, und besteht im Kern aus den Paten der Stolpersteine, die sich mit regelmäßigen Putzaktionen für die Pflege einsetzen und an Gedenktagen an die Menschen erinnern.

In Pößneck wurden am 8. Mai 2008 unter großer Anteilnahme die ersten Stolpersteine für die Familie Binder vor dem ehemaligen Kaufhaus in der Breiten Straße 2 verlegt. Im März 2014 erfolgte dann die Verlegung von Gedenksteinen für Färbereibesitzer Alexander Benjamin und Familie (Friedrich-Engels-Straße 15), Verlagsdirektor Adolf Mayer (Bergerstraße 5), Handelsschullehrer Prof. Leo Schorr (Diezstraße 37), Handelsvertreter Harry Falkenstein und Ehefrau Esther (Tuchmacherstraße 24).

Bildungsarbeit

Die AG Geschichtswerkstatt unter Leitung von Philipp Gliesing dokumentiert und recherchiert die Regionalgeschichte des Holocaust, um sie für die Gedenkkultur und die Bildungsarbeit zugänglich zu machen. Die Stolpersteine seit Jahren auch einen Anlaufpunkt für Mahn- und Stadtrundgänge. Sie bieten einen konkreten, lokalgeschichtlichen und biografischen Zugang für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus.

Um das Ausmaß der Shoah, der großen Katastrophe für das jüdische Volk, sowie für die deutsche Gesellschaft insgesamt, zu verstehen, ist die Bewahrung von Erinnerungen und Zeitzeugnissen, sowie eine pädagogische Heranführung unerlässlich. In einer Zeit ohne Zeitzeugenschaft gilt es neue Vermittlungsformen zu etablieren.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung wird auch ein Online-Vortrag mit Informationen und Hintergründen zum "Jüdischen Leben in Pößneck" angeboten. Gerne können Schüler*innen, Lehrer*innen oder Interessierte* sich melden, und ein zielgruppenorientiertes Angebot abzusprechen.

Darüber hinaus findet am 12. Mai 2021, ab 19 Uhr, ein Online-Workshop "Was du über jüdisches Leben wissen solltest" mit der Künstlerin Sarah Borowik-Frank statt, der über eine Zoom-Konferenz zugänglich sein wird. Die Referentin ist aus Konstanz und möchte ins Gespräch kommen, um Vorurteile aufzufangen und das "Judentum von heute" vorzustellen. Zur Teilnahme sind Interessierte jeder Altersgruppe herzlich eingeladen. Es wird um vorherige Anmeldung gebeten.

Landkarte des Gedenkens: Stolperstein-Guide

Für Recherchearbeiten oder begleitend zu Stadtrundgängen sind Informationen zu den Gedenksteinen digital über eine App zu finden. www.stolpersteine-guide.de

Gefördert wird die Veranstaltung sowie die begleitenden Bildungsangebote im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie im Saale-Orla-Kreis“. www.vielfalt-im-sok.de

Kontakt:

Geschichtswerkstatt / Initiative für Stolpersteine in Pößneck

c/o Pößneck Alternativer Freiraum e.V.

Ernst-Thälmann-Straße 35, 07381 Pößneck

Mail: stolpersteine-poessneck@gmx.de

Mobil: 0171 560 88 43

 

 

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